Dieses Buch ist derzeit noch in Planung. Hier ein kurzer Auszug:

Dder Scheiterhaufen fing Schnell Feuer. Die beiden Priester kreisten als unheilvolle Geier um den Aufgebahrten. Zuerst hatten sie einen weißen Stofffetzen in Lampenöl getränkt, dem Toten in den offenen Mund gesteckt und dort die erste Flamme entfacht. Unverständliche Formeln murmelnd kreisten sie schließlich um das hoch aufgeschichtete Holz.

Der aufdringliche Duft von Sandelholz schnitt Miropa in die Nase. Soetwas hatte sie noch nie gerochen. Hier, wo die eiskalten Winde über die tibetische Hochebene schnitten, wuchs kaum ein Holz, Sandelholz schon gar nicht. Das viele Holz für den hohen Scheiterhaufen wurde eigens durch eine lange Lastkarawane auf anstrengenden Wegen aus dem schwülen Süden Indiens herbeigebracht. Miropa versuchte sich vorzustellen, wie sich das Wetter dort wohl anfühlen mochte. Auch hier oben, auf der kargen Hochebene Tibets schien oft die Sonne. Aber es musste sich wohl gänzlich anders anfühlen, wenn der ungestüm wuchernde Tropenwald sich in Wellen um die Dörfer und Wege legte und wenn der Regen in der Luft stehen zu bleiben schien. Hier oben regnete es selten und falls doch, war eine Stunden später alles wieder trocken, weil jeglicher Niederschlag in diesem kahlen Land sofort im porösen Boden verschwand. Was auch Miropa versuchte sich in Gedanken auszumalen, alles schien ihr unwirklich, ungreifbar, fern.

Die Priester heulten laut auf. Dann noch einmal und noch einmal. Bis schließlich das Murmeln einem heulendem Gesang wich, der an das unheilvolle Singen der Wölfe in den kalten Winternächten erinnerte. Still verfolgte die versammelte Menge das langatmige Schauspiel. Es hatte sich eine beachtliche Menschenschar versammelt. Fürsten, Hohepriester und alle wichtigen Würdenträger der fünf Provinzen hatten sich zusammengefunden um an diesem traurigen Ritus teilzunehmen. Der Sohn des Himmels Zhanam Zinde, der König des tibetischen Königreiches Zhang Zhung war gestorben. Und der höchste Priester des Landes Nyatri Tsenpo am darauffolgenden Tag. Nun hatte es Niemanden im Land gegeben, der den König standesgemäß hätte beisetzen können.

In Eile hatte man zwei Hohepriester aus den Wüsten Persiens kommen lassen. Die zwei abgemagerten Asketen hatten den langen und beschwerlichen Weg, für den der königliche Läufer über zwei Wochen benötigte in nur zehn Tagen zurückgelegt. Und das obwohl sie bergauf steigen mussten und üblicherweise die wenigen persischen Händler, die sich in die Hochebene verirrten, stets über Übelkeit und Kopfschmerzen wegen der Höhenluft klagten. Angeblich sollen sie in den zehn Tagen nicht ein bisschen geschlafen noch gegessen haben. Nur von Licht wollen sie sich ernährt haben…

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Foto: Stupa für Tenzing Norgay, Nepal – © Attila Budai