„[…] Die Dächer der Häuser schienen miteinander verwachsen; man hätte vor dem Regen geschützt von einem Ende der Stadt zum anderen gehen können, wenn sich nur jemand die Zeit dafür genommen hätte. Aber Zeit für solchen Müßiggang fand man nur selten in Babylon. Allzu sehr waren die Babylonier mit sich selbst, ihren Wünschen und Bedürfnissen beschäftigt.

Zwölf Hügel wölbten feine Wellen ins dichte Häusermeer. Auf ihnen prangten prachtvolle Paläste, von Edelsteinen übersät glitzerten sie golden im Sonnenlicht. Hier regierten früher die Könige jener Stadt, in der nunmehr Gewohnheiten und Launen die wahren Herrscher geworden waren. Zwölf Könige bestimmten damals die Geschicke der Stadt – ihre Regierungszeit reichte jeweils von einem Neumond zum nächsten. Jedes zwölfte Jahr zählte jedoch dreizehn Monde. Man nannte diesen Monat den paradiesischen, da es eine ganz besondere Zeit war, in der Babylon keinen König brauchte. Zu diesem dreizehnten Mond verließen alle Menschen ihre Arbeit und ihre Häuser, um eine Zeitlang, wie ihre Urahnen, als umherziehende Wanderer in der Natur zu leben.

Doch irgendwann empörte sich einer der übereifrigen königlichen Berater, dass dieser Monat keinen Ertrag bringe, denn alle Arbeit stünde still und es sei kein Nutzen. So kam die Frage auf, welcher der zwölf Könige nun diesen dreizehnten Mond regieren sollte. Die Könige gerieten über diese Frage in Hader und schließlich auch über alle anderen Angelegenheiten der Stadt. Sie zerstritten sich endgültig und nun wusste keiner mehr so recht, wer die Stadt eigentlich regierte. Ein jeder Bürger Babylons fühlte sich einem anderen König zugehörig, nicht wenige auch gar keinem mehr, und so herrschte alle zwei Straßenzüge ein anderes Recht. Viele Fragen blieben ungelöst in Babylon, weil keiner die Zeit oder den Mut fand, sie anzugehen.

Neun Türme standen im Kreis um die Stadt und ragten weit in den Himmel. Alte Legenden erzählten, dass über diese Türme einst die Götter zu den Menschen herabgekommen seien. Aber keiner glaubte mehr an die Fabeln der alten Leute. So standen die Türme nutzlos und verwahrlost da. Selten stieg noch jemand hinauf, um die Aussicht zu genießen oder sich in die Tiefe zu stürzen. Denn, auch wenn man sich in unseren Geschichtsbüchern daran nicht mehr erinnert: Babylon war kein glücklicher Ort.

Während das Morgenlicht die Stadt erreichte, erstieg hastig eine kleine, dunkle Gestalt den höchsten der Türme. Enosch fasste den Saum seines schwarzen Umhangs und behielt den Blick auf den Treppen. Viel zu lange schon schmerzte ihn jedes Erwachen und betrübte ihn jeder Sonnenuntergang. Das sinnlose Ringen mit den immer gleichen Gedanken würde nun endlich ein Ende finden. Mit großen Schritten erklomm er den alten, vergessenen Turm, bis er ganz oben ankam.

Wie ein geschäftiger Ameisenhaufen flitterte unten die Stadt. Enosch blickte in die Tiefe, wippte spielerisch über dem Abgrund, mit der allerletzten Möglichkeit im Sinn. Mit einem kleinen Sprung wäre alles gelöst, neunundzwanzig Jahre Leiden, neunundzwanzig Jahre zielloses Irren in dieser Welt. Die dunkle Hand der Befreiung umschloss sein Herz. […]“

« Zurück zum Buch