Hinter den weißen Mauern der weißen Stadt übten weiß gekleidete Menschen bedächtig ihre Riten aus. “Dein Wille geschehe”, war ihr Leitsatz und so waren ihre Taten von den Kräften des Himmels geleitet. Nicht selten geschah es, daß weder der eine noch der andere den Willen zur Tat hatte und so blieben die Handlungen aus und das Leben verlief in süßem Nichtstun.

Eines Tages stand eine in Schwarz gehüllte Person vor den Toren der Stadt. Die weiß Gekleideten begrüßten ihn freundlich: “Dein Wille geschehe.” Doch die Taten des Schwarzen waren nicht von den Kräften des Himmels geleitet, sondern von seinen eigenen Gedanken. So begann sich die Stadt in abertausend sinnlosen Tätigkeiten zu mühen. Der Haupttempel stand nun leer, doch das Leben der Stadt zog ungehindert seine Bahnen, da alle dem Willen des Schwarzen folgten.

Auf einmal stand eine in Grau gekleidete Gestalt vor der Stadt. “Dein Wille geschehe”, wollten schon die Weißen sagen und den Gast in die Stadt geleiten, da rief der Schwarze dazwischen: “Fort mit ihm!” Er spürte wohl, daß durch den Grauen nun sein Wille nicht mehr ungehindert von den Weißen verwirklicht werden würde. Es war dies das erste Mal, daß die Weißen in Konflikt mit sich selbst gerieten: “Sollen wir den Grauen hereinlassen oder nicht?”. Der Graue trat in die Stadt, auch ohne eine Einladung, und sprach zum Schwarzen: “Sieh, Schwarzer, die ganze Stadt folgt Deinem Willen, so hörst Du doch nur das Echo Deiner eigenen Taten. Lasse allen ihren eigenen Willen und Du wirst Wunder sehen!” “Ich glaube nicht an Wunder, nur an Ergebnisse.”, antwortete der Schwarze gelassen.

“Folgt nicht dem Willen des Schwarzen”, predigte der Graue den Weißen, “und die Stadt wird wieder ihren Frieden finden.” “Wie könnten wir unseren Frieden finden, wenn wir auch nur einen einzigen von uns alleine lassen?”, fragten die Weißen. Sie waren verwirrt. Sollten sie dem Willen des Schwarzen bis ans Ende der Zeit folgen? Würden seine Eingebungen einmal ein Ende finden und die Stadt wieder zur Ruhe kommen? Oder sollten sie dem Schwarzen nicht folgen und damit das einzig andersartige Wesen der Schöpfung aus ihrer Gemeinschaft ausschließen? Die Stadt konnte keinen Frieden mehr finden, da die Taten der Weißen nun nicht mehr in Einklang waren.

Nach langer, langer Zeit standen Sonne und Mond gleichzeitig am Himmel und beleuchteten gemeinsam die weißen Mauern der Stadt. Da nahm der Graue seine Kapuze vom Kopf und zeigte sein wahres Gesicht: Er war der Sohn des Allmächtigen. Da nahm auch der Schwarze die Kapuze vom Kopf: Er war der Allmächtige selbst.

Foto: Stupa für Tenzing Norgay, Nepal – © Attila Budai