Die Chakren werden gerne als ein Netzwerk von Energiezentren in unserem Körper beschrieben. Doch die Chakren sind viel mehr, sie stehen für eine gewisse Art, die Welt zu sehen. So sind sie auch Grenzsteine unserer geistigen und seelischen Entwicklung. Diese Grenzsteine können wir passieren, wenn wir die jeweilige Chakra in Harmonie gebracht haben. Wenn wir also die Bedürfnisse der jeweiligen Chakra erfüllt haben, mit genau jener Menge an Energie und Aufmerksamkeit, die ihr gebührt – nicht mehr und nicht weniger.

Die Wurzelchakra ist die Basis dieses Netzwerkes und steht damit symbolisch für unsere physisch wahrnehmbare und erfahrbare Welt. Diese natürlichste und direkte Erfahrung der Welt gibt uns den Halt und die Sicherheit zu existieren. Nur wenn ich mich in meiner Existenz sicher und geerdet fühle, wenn ich sozusagen mit beiden Beinen in der Wirklichkeit stehe, kann diese Chakra ungehindert arbeiten und verlangt nicht mehr nach meiner Aufmerksamkeit, sondern kann von selbst ihrem natürlichen Fluß folgen.

Und unsere Aufmerksamkeit ist hier der Schlüssel. Wenn unsere Chakren aus dem Gleichgewicht geraten, streben sie danach, wieder in ihr Gleichgewicht zurückzukehren. Diese Bewegung drückt sich in uns durch unsere psychischen Unausgeglichenheiten und letztlich auch durch unsere Krankheiten aus. Diese verlangen nach unserer Aufmerksamkeit, um wieder ins Lot gebracht zu werden.

So habe ich immer die Möglichkeit, wenn ich psychische Unausgeglichenheiten in mir entdecke, auf diese zu reagieren, noch bevor diese Tendenz sich einen Ausdruck auf körperlicher Ebene sucht, sei es durch ein „Unglück“ oder eine Erkrankung. Natürlich sollten wir jetzt nicht paranoid werden und bei jeder noch so kleinen Erkrankung oder bei jedem Missgeschick sofort aufschreien und uns den Vorwurf machen, daß wir etwas vernachlässigt hätten. Lernen, seelisch Wachsen und letztlich Erwachen sind ein organischer Prozess. Nicht jede Krankheit, die nicht heilt, ist ein Zeichen, daß sich unsere Chakren nicht harmonisieren. Wenn wir uns bei der Arbeit verletzen, ist dies vielleicht einfach nur eine Begleiterscheinung unserer Tätigkeit. Wir können unsere Chakren auch dann in vollkommene Harmonie bringen, wenn nicht alles perfekt ist – am Körper oder in unserem Leben. Aber physische und psychische Merkmale sind trotzdem ein wichtiges Signal, daß es sich lohnt, sich mit den Themen der entsprechenden Chakra auseinanderzusetzten.

Wenn also unsere Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Geborgenheit erfüllt sind, kann unsere Wurzelchakra ungehindert arbeiten und verlangt nicht mehr nach unserer Aufmerksamkeit. Diese Sicherheit ist nicht einfach nur eine Frage von Wohlstand oder Geborgenheit, sondern vorrangig davon abhängig, wie die betreffende Person ihre eigene Lage in der Welt beurteilt. So steht die Wurzelchakra aber auch für eine gewisse Art, die Welt und ihre Kreisläufe zu sehen. Diese Sichtweise betrachtet die materielle Welt als den Ursprung alles Seins und schmiedet gerne auch die eigenen Ängste zu einer Philosophie. Die Philosophie des Darwinismus ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Wurzelchakra „denken“ kann: Alle sind scheinbar in einem Kampf ums Überleben verwickelt und alle unsere sozialen Fähigkeiten wären eigentlich nur Versuche, die Umwelt zu eigenen Gunsten zu beeinflussen. Welchen Sinn ein Überleben haben soll, wenn es sonst nichts in solch einer Welt gibt – keine echte Liebe oder Zuwendung – diese Frage haben sich weder Darwin, noch all jene, die diese Philosphie an ihre Banner hängen, gestellt.

Das bedeutet nicht, daß die Thesen von Darwin wertlos wären. Für die Biologie und alle Wissenschaften, die Entwicklungen erforschen, können sie als Arbeitsthese wertvoll sein. Aber als Philosophie das ganze Phänomen des menschlichen Lebens zu erklären, dafür ist solch ein Denken wenig. Auch wenn wir alle seit dem Kindesalter mit solch einem Denken indoktriniert werden, sei es in der Schule, sei es durch die Medien oder durch den gesellschaftlichen Konsens.

Die Medien, die Wirtschaft und die Politik versuchen, hauptsächlich auf unsere unteren beiden Chakren zu wirken, und uns in ihren Kreisläufen zu halten. Sinnesfreuden und Sicherheit – das sind die bevorzugten Themen der Nachrichten, der Werbung, unserer Unterhaltungsindustrie und der Politik. Möglichst viel von diesen beiden zu haben, ist die allgemein verbreitete Vorstellung von Erfolg und Selbstverwirklichung. Die Chakren lehren uns, daß es ohne diese beiden nicht geht, aber daß diese beiden auch nicht ausreichen für einen Erfolg, der uns langfristig zufriedenstellen und unserer Seele Frieden bringen soll.

All dies empfinden wir vielleicht als einengend und wünschen uns, die Welt zu verändern. Für Ideale zu kämpfen – ein typisches „Denken“ der Nabelchakra. Die Nabelchakra möchte gerne unser eigenes Leid beenden, indem es auf die Welt wirkt und hofft diese zu verändern. Die Nabelchakra „denkt“, daß die Ursache unseres Leides in der Außenwelt liegt. Doch die Welt ist vollkommen, so wie sie ist, sie ist der höchste Ausdruck des Seins. Die Ursache für jedes Leid ist in uns angelegt. Unsere Außenwelt spiegelt bloß dieses Leid.

Wer trotzdem an der Überzeugung festhält, daß die Welt einer Verbesserung bedarf, wird bald zum Retter der Welt. – Vielleicht als Diktator oder als Gutmensch. „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“, sagten schon die Alten. Das heißt auch hier wiederum nicht, daß wir von guten Taten absehen und unseren Mitmenschen nicht helfen sollten. Doch wahre Selbstlosigkeit erwartet auch nicht von der Welt, daß sie sich gemäß der Vorstellung des Gebenden bessert, sondern hilft, wo sie kann. Unseren Idealen zu folgen ist nicht falsch, im Gegenteil, es ist ein wesentlicher Schritt in unserer geistigen Entwicklung. Eine Stimme in der Welt zu haben ist wichtig, damit unsere Nabelchakra in Balance bleibt und kraftvoll strahlen kann. Doch gleich wie weit wir die Welt unseren Idealen annähern können – zur Gänze werden wir dies nie erreichen. So ist das Sein beschaffen.

Wer in unserer Gesellschaft den Mut besitzt, über die Grenzen hinauszudenken, und diese Kreisläufe erkennt; Wer erkennt, daß viele unserer Wünsche gar nicht unsere eigenen sind, und es schafft, diese loszulassen; Wer sein wahres und liebendes Wesen erkennt, welches wir alle in uns tragen; Wer sich so wieder mit der Erde verbindet (Wurzelchakra) und seine Beziehungen auf die Basis der gegenseitigen Wertschätzung und Liebe stellt (Sakralchakra), der steigt schließlich über seine Nabelchakra hinauf in die Weisheit des Herzens. An jenen Ort, der die körperliche Ebene mit der geistigen verbindet; jenen Ort, an dem wir wirklich leben.

Wer aus seinem Herzen leben möchte, muss sich jedoch auch seinen tiefsten Fragen stellen. Kann ich mich so akzeptieren, wie ich bin? – meinen Körper, meine Fähigkeiten und Schwächen? Kann ich meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meinen Lebensweg bejahen, annehmen und ihm folgen? Zwischen Nabel- und Herzchakra liegt eine Pforte, die sogenannte Brahma-Granthi. Wer sich von einer rein materiellen Weltsicht verabschiedet hat, kann hier durchtreten. Wer in seinem Herzen seine tiefsten Fragen beantworten und bejahen kann, lernt, daß unser eigener Lebensweg zwar für uns persönlich der wichtigste, aber nur einer von Milliarden von Lebenswegen ist. Es entwickelt sich also ein gesundes Mitgefühl mit allen fühlenden Wesen, uns selbst mit einbegriffen und wir beginnen der Welt und den Menschen mit einem gesunden Gleichmut zu begegnen, weil wir alle Wege als Einheit sehen. Hier treten wir durch die nächste Pforte: Die Vishnu-Granthi.

Die Halschakra ist der Ort, wo wir lernen, uns selbst treu zu sein, und in jeder Situation jene Wahrheit auszudrücken, die wir im Herzen tragen. Unsere innere tiefste Wahrheit, eine Wahrheit, die nicht unbedingt mit Wörtern festgemacht werden kann, die wir aber im Herzen tragen und die letztlich der Grund ist, warum wir hier, in genau dieser unserer Welt, sind.

Diese Wahrheit zu verstehen, hilft uns die Stirnchakra. Ihre Bilder dienen uns als Kompass. Hier lernen wir den Visionen, die uns führen, Glauben zu schenken und nach ihnen zu leben. Hier ist unsere Intuition, hier sind unsere hellseherischen Kräfte zu Hause. Jenes Wissen, welches oft unlogisch zu sein scheint, aber am Ende doch immer die Wirklichkeit sieht. Jenes Denken, das nicht mehr entlang irgendwelcher Normen denkt, sondern direkt aus der höchsten Quelle stammt. Wer erkennt, daß die materielle und geistige Welt nur zwei Seiten der gleichen Medaille sind; Wer erkennt, daß jede Selbstbezogenheit nur ein Hindernis ist, um die Wirklichkeit des allumfassenden Bewußtseins zu sehen, der löst sich langsam von der vielleicht tiefsten aller unserer Illusionen: nämlich der Vorstellung, wir seien ausschließlich eine Person, mit einem Namen und einer Lebensgeschichte. Wir sind viel mehr: Die Welt entspringt in mir und verschwindet mit mir. Diese Welt ist ganz und gar meine Welt.

Der indische Weise Ramana Maharshi wurde einmal gefragt, wie man mit den anderen Menschen richtig umgehen solle. Seine Antwort war kurz und prägnant: „Es gibt keine Anderen.“ Wer dies erkannt hat und ohne Wenn und Aber danach lebt, der entwickelt sogenannte Siddhis, zu Deutsch: Wunderkräfte. Für den von den Kräften seiner unteren Chakren gebeutelten „Alltagsmenschen“ mögen diese Kräfte manchmal wirklich wundersam wirken, doch es geht hier um etwas viel Subtileres. Nämlich die Kraft, dem Sein sein Schaffen zu erlauben, ohne es mit dem rationalen Teil unseres Denkens zu zensieren.

So mag es von außen den Anschein haben, daß diese Menschen die Zukunft deuten, Wunderheilungen vollbringen, oder gar unsichtbar werden könnten. Doch eigentlich passiert nichts weiter, als daß man hier einfach im großen, alles umfassenden Fluß des Seins bleibt, ohne zu urteilen und einfach alles für möglich hält und so der Intelligenz des Universums Raum lässt, sich zu manifestieren.

Hier lauert die letzte große Gefahr: Nämlich diese Kräfte lieb zu gewinnen und an ihnen festzuhalten. Nachdem man seine bisherige Persönlichkeit aufgegeben hat, läuft man nun Gefahr, ein spirituelles Ego aufzubauen. Jetzt ist man Seher, Heiler oder Prophet und kann schnell in den Bildern seiner Visionen gefangen werden. Wer aber diese Fähigkeiten nutzt, ohne an ihnen zu hängen, wer sein letztes großes Ego, das spirituelle Ich aufgibt, der tritt durch die dritte und letzte Pforte, die Rudra-Granthi. Hier kommt er schließlich in der unendlichen Freiheit der Kronenchakra an, im sprichwörtlichen siebten Himmel.

Wenn alle Chakren ihren Bereichen entsprechend arbeiten und alle Ebenen genausoviel Aufmerksamkeit und Energie erhalten, wie sie benötigen – weder zuviel, noch zuwenig – dann ist die Kronenchakra frei, alle Ebenen des Seins und des Universums zu durchwandern, ohne in ihnen verloren zu gehen. Dort entdecken wir, daß alles, das existiert, das Spiel des Selbst ist. Das Universum, Gott und die gesamte Schöpfung entsteht und vergeht in mir. Ich bin es, der in jedem Gedanken und Ereignis meines Lebens anwesend ist. Ich bin zwar scheinbar nur ein Teil des Seins, trotzdem existiert dieses Sein nie ohne mich. Diese Erkenntnis ist die Grundlage des letzten und alles durchdringenden Friedens, der sich ab diesem Punkt in mir unaufhaltbar ausbreiten wird.

Um es mit einem Zitat des indischen Weisen Shankaracharya aus dem 3. Jh. auszudrücken:
„Der Narr denkt, er sei sein Körper und dessen Sehnsüchte.
Der Gelehrte denkt, er ist eine freie Seele, die an die Welt der Körperlichkeit gebunden ist.
Nur der Weise sieht, daß all dies bloß das Spiel des Selbst ist.“

Der erste Satz bezieht sich auf die unteren drei Chakren, der zweite auf die nächsten drei und der letzte Satz auf die unendliche Weisheit der Kronenchakra.

Jeder innere Zwiespalt – ob ich handeln soll und wie – ist eine Überkreuzung des Willens der Kronenchakra mit jenen der anderen Chakren. Die Kronenchakra braucht sozusagen nichts und will nichts, sie möchte nur sein – während die anderen Chakren ihre „Sicht auf die Welt“ zum Ausdruck bringen möchten. Wenn ich jedoch unter dem Vorwand, die Welt sei sowieso schon vollkommen und es gäbe nichts zu verändern, von Handlungen absehe, die mein Leben und das Leben anderer verbessern könnten, dann „verschanze“ ich mich sozusagen in meiner Kronenchakra und die anderen Chakren geraten aus dem Lot. Dies ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen in esoterischen und spirituellen Kreisen. Eine gängige Blockade, die sich oft auf dem Weg zur Auflösung in die Nicht-Dualität zeigt.

Ist die Kronenchakra zu dominant, melden sich schließlich die anderen Chakren durch die verschiedensten psychischen und physischen Symptome und ziehen meine Aufmerksamkeit an sich. So wandert mein Bewußtsein ab von dem endlosen Frieden, der aus dem All strömt, und ich verliere mich in den verschiedenen Ebenen des Seins, verliere mich in unzähligen Tätigkeiten und glaube etwas verändern oder erreichen zu müssen. Die Arbeit mit den Chakren ist also auch ein Schlüssel, um die Gleichzeitigkeit von Sein und Nichtsein unseres Daseins zu begreifen und so jede Handlung sich ereignen zu lassen. Um es mit einem Zitat aus der Bhagavad Gita auszudrücken:

„Wer Handeln im Nichthandeln sieht und Nichthandeln im Handeln, ist weise unter den Menschen; er ist ein Yogi und führt alle Handlungen aus.“

Bhagavad Gita, Vers 4.18

Wer die Weisheit der Chakren versteht und mit ihnen zu arbeiten weiß, der hat alles verstanden, was es über die Seele zu wissen gibt.

Foto: © Attila Budai