Ddie Stille ist nicht einfach das Fehlen von Worten. Die Stille ist auch nicht nur das leere Blatt, auf welchem Worte erscheinen. Die Stille ist das leere Blatt, aber auch gleichzeitig die sich darauf ständig neu zeichnende Schrift. Die Stille ist leer und voll zugleich. Die Stille ist nicht nur die Basis, auf der jeder Ton aufbauen kann, sie verkörpert sich auch in allen Tönen, die aus ihr entstehen, so wie auch die Summe aller Farben Weiß ergibt. Das Licht der Sonne scheint gleichmäßig auf gute, wie auf böse Wesen, ihre Güte kennt keine Grenzen. So ist auch die Stille nicht bloß das Zur-Ruhe-Kommen der Sprache oder des Geistes, sondern viel mehr: Es ist die ganze Wahrheit. Die Stille ist der höchste Ausdruck des Bewußtseins. Das Bewußtsein ist nicht bloß der Raum, in welchem sich Ereignisse, Gefühle und Gedanken abzeichnen. Bewußtsein ist immer in allen Ereignissen, Gefühlen und Gedanken gleichermaßen anwesend. Bewußtsein ist dieses oder jenes Ereignis, dieses oder jenes Gefühl. Das Bewußtsein ist nicht eine Komponente in einem Ereignis, sondern es ist gleichzeitig die Grundlage und das Ereignis in seiner Gesamtheit und all seinen Teilen. So ist Stille der höchste Ausdruck des Bewußtseins. Dies ist der Grund, warum es keine letztgültige Wahrheit auf Erden gibt. Auch wenn Religionen, Staaten oder Parteien gerne in der Gewißheit kämpfen, daß ihre Sache auf einer vermeintlich letztgültigen Wahrheit aufbaut.

Auch wir kämpfen unser liebes Leben lang mit den unterschiedlichsten Wahrheiten. Wir verbringen Zeit mit einer Wahrheit im Herzen, dann mit der anderen, doch irgendwann kommt der Punkt, da alles nichtig ist. Wenn die Wahrheiten sich nach und nach als Halb-Wahrheiten entpuppen. Was bleibt, ist nichts, als Stille. Eine Stille, die nicht parteiisch ist und auch nicht Recht oder Unrecht hat.

Deswegen ist die höchste Form der Meditation die stille Meditation, denn sie ist zugleich die höchste Lehre, die wir empfangen können. Es gibt keine höhere Wahrheit als die Stille. Der Buddha hat bei einer seiner berühmten Lehrreden kein Wort gesagt, nur still eine Blume hochgehalten. Der Legende nach hat ihn bloß ein einziger seiner Schüler verstanden. Wessen Gedanken still sind, der versteht dies sofort und ohne Erklärungen. Alles ist, was es ist, es will nicht verändert werden und bleibt trotzdem nicht unverändert. Die Natur der Wirklichkeit liegt in der Stille des Seins.

Übung: Lege einen Tag der Stille ein, oder wenn Du dies beruflich nicht vereinbaren kannst, dann reduziere deine Kommunikation auf das absolut nötige Minimum. Es ist interessant zu beobachten, wie Kollegen, Freunde oder Verwandte auf Deine Stille reagieren. In den ersten 20-30 Minuten finden sie es meist erheiternd, und versuchen Dich mit allen möglichen Tricks zum Reden zu bringen, doch irgendwann verlieren sie fast schlagartig das Interesse. Beobachte, wie es sich danach anfühlt, wie sich die Stille langsam in Deinem Wesen ausbreitet und Du zur Ruhe kommst, in der alles ist, was es ist.

Foto: Mararikulam, Indien – © Attila Budai