Es gibt zwei Augenblicke am Tag, wo wir ganz wir selbst sind: Der Augenblick nach dem Aufwachen und der letzte Augenblick vor dem Einschlafen. Und doch sind wir in beiden Augenblicken nicht die gleiche Person. Nach dem Aufwachen haben wir noch keine Masken aufgelegt, hier trägt uns noch die Frische unserer Geburt nach dem Schlaf. Vor dem Einschlafen sind wir ermüdet vom Tag und wissen, daß wir nun nackt in eine andere Welt gehen, den Traum, und legen deshalb auch die letzte Maske ab. Es lohnt sich, diese Momente genau zu beobachten, zu vergleichen und die Essenz aus diesen Augenblicken zu gewinnen und diese tagsüber als Kompass für unsere Taten zu verwenden. Denn genau da wollen wir letztlich hin: Ohne Masken zu leben, oder zumindest unsere Masken mit Leichtigkeit zu tragen.

Den gleichen Prozeß machen wir im Großen auch in unserem Leben durch, deswegen sind wir am nächsten zu unserem wahren Wesen noch als Kind und im Alter, wenn wir uns auf den Tod vorbereiten. Geschlechtlichkeit und persönliche Merkmale ziehen sich in diesen Phasen noch oder wieder zurück und wir treten immer stärker in das pure Sein ein. Das Kind erfährt und lebt in der Welt noch unbefleckt und unbedacht der Konsequenzen seiner Taten. Wenn der alte Mensch seinen Frieden gefunden hat, freut er sich über jeden Kontakt und ist bemüht seinen Mitmenschen im Großen oder auch nur im Kleinen, zu helfen.

Der Tod ist deshalb letztlich auch Erlösung. Im Augenblick davor können wir endlich alle unsere Masken ablegen, es gibt keinen Grund mehr sie zu tragen. Unsere, insbesondere die westliche Gesellschaft ist so aufgebaut, daß von uns erwartet wird, daß wir jeden Tod bedauern und eine Verlängerung des Lebens anstreben sollten. Das Leben unter allen Umständen retten zu wollen, nimmt in unserer heutigen Zeit manchmal groteske und unmenschliche Züge an. Und das, obwohl der Tod eine conditio sine qua non ist: ohne Tod kein Leben. Es lohnt sich hier die Frage zu stellen: Wenn ich mein Leben so oft verlängern könnte, wie ich wollte, würde ich es tun?

Wir würden nicht unendlich in dieser Welt weiterleben wollen, denn das, wofür man auf die Welt gekommen ist, hat sich meist schon früher als man denkt, erfüllt. Und das, was sich erfüllen soll, ist meistens keine große oder gesellschaftlich relevante Tat. Das, wofür wir gekommen sind, ist etwas, das sich in der Stille der Seele vollzieht. Etwas, das die Seele gesucht hat und oft auch dann verstanden hat, wenn sie es nicht in der Form gefunden hat, wie sie sich das ursprünglich vorstellte. Ich glaube wir verstehen alle, was ich meine, wenn ich von dem Auftrag der Seele spreche. Das was die Seele auf der Erde will, kann nicht in einen linearen Verlauf gebracht werden mit Lernen, Verlieben, Heiraten, beruflich erfolgreich werden, Kinder erziehen und in Würde und gesund alt werden. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand auf diese Weise leben kann. Aber es gibt keinen Menschen der nie eine Krise erlebt hätte. Und alle Krisen dienen unserem seelischen Verständnis und Wachstum und lassen mehr und mehr zutage treten, wofür wir eigentlich hier sind. Eben nicht für den oberflächlich sichtbaren Verlauf und die Optimierung unseres Lebens. Wir sind hier um zu erfahren und zu verstehen, was die Seele will. Augustinus sagt, daß es die höchste Freiheit ist, mit ganzer Seele sagen zu können: “Dein Wille geschehe!” Wenn man dies schafft, hat man sich ganz seiner göttlichen Natur unterstellt. Erleuchtung ist nichts anderes.

Um möglichst direkt zu diesen Erkenntnissen zu gelangen, ist es im Yoga üblich, früh schlafen zu gehen und früh aufzustehen. Denn wir alle kennen, wie es sich anfühlt, wenn wir am Abend eigentlich schon müde sind, aber dann noch dies und jenes machen, egal ob wir etwas erledigen oder noch meinen, unbedingt lesen zu wollen. Es ist dies nur ein Hinausschieben, dieser wichtigsten Erkenntnis. Natürlich ist es etwas anderes, wenn man gerade für eine Arbeit brennt, ein Buch fertigschreibt oder ein Projekt abschließt, das einem am Herzen liegt. Ich meine die Abende, die man vertut. Es ist auch in Ordnung, wenn das frühe Schlafengehen und Aufstehen nicht unserem Rhythmus entspricht, aber die zwei wichtigsten Augenblicke des Tages sollten wir nicht in die Unbewußtheit verdrängen.

Man kann auch beobachten, wie mit voranschreitendem Alter unser Schlafrhythmus immer regelmäßiger wird, oft gegen unseren Willen. Wir werden einfach am Abend schneller müde und wachen am Morgen zu unserer festen Zeit auf. Nicht selten beginnt sich auch mit voranschreitendem Alter die Schlafzeit zu verkürzen. Wir wollen nicht mehr unser Leben “verschlafen”, der Ruf unserer Seele nach Bewußtheit wird immer stärker. Jeder Tag ist eine Gelegenheit, in Bewußtheit aufzuwachen und wenn die Zeit gekommen ist, sich der Auflösung unserer Person durch den Schlaf zu überantworten.

Übung

Nimm Dir jeden Tag ein paar Minuten Zeit, das Gefühl in Dir wirken zu lassen, welches als erstes am Morgen in Dir aufsteigt. Merke Dir dieses Gefühl, bewahre es wie ein Bild und führe es Dir bei Gelegenheit tagsüber immer wieder vor Augen.

Wenn man allzu müde ins Bett geht, schläft man schnell ein. Deshalb lohnt es 10-15 Minuten eher ins Bett zu gehen, als geplant, um diesen Übergang ganz in Ruhe und entspannt zu erfahren. Im Dunkeln im Bett liegend, kann man den Tag und seine aktuellen Gedanken Revue passieren lassen – nicht, um hier und jetzt nach Lösungen zu suchen, sondern um sie unbeteiligt zu Beobachten. Zu sehen was sie machen und wie sie auf mich wirken.

Foto: Buddha Park in Nong Khai, Thailand – © Attila Budai